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Tagebuch


Walt Whitman

Was ein Baum uns lehrt

- l. September -

Um das zu veranschaulichen, sollte ich wohl weder den größten noch den malerischsten Baum auswählen. Hier habe ich jetzt einen meiner Lieblingsbäume vor mir, einen schönen Tulpenbaum, ziemlich gerade, an die 30 Meter hoch und unten einen guten Meter stark. Welche Kraft, Lebensfülle, Ausdauer! Welch stumme Beredsamkeit. Was für Anzeichen von Gelassenheit und Sein, im Gegensatz zu der menschlichen Art des bloßen Scheins. Und dann die Eigenschaften eines Baumes, die beinahe emotionalen, spürbar künstlerischen, heroischen; so unschuldig und harmlos, und doch so wild. Er ist, doch sagt er nichts. Wie er in seiner ausdauernden und heiteren Gelassenheit jedem Wetter trotzt, während jener ungestüme kleine Wicht, der Mensch, bei jedem bißchen Regen oder Schnee nach drinnen rennt. Die Wissenschaft (oder vielmehr die Halbgelehrsamkeit) spottet über Reminiszenzen an Dryaden, Waldnymphen und sprechende Bäume. Wenn diese auch nicht sprechen, so tun sie doch etwas ebenso Gutes wie das meiste Gesprochene und Geschriebene, wie Dichtung und Kanzelwort - oder sie tun es gar ein gut Teil besser. Ich möchte in der Tat annehmen, daß jene alten Erinnerungen an Dryaden genauso wahr sind, wahrscheinlich sogar tiefgründiger als jede andere überkommene Erinnerung. ("Hör auf damit", wie die Großmäuler sagen, "und bleib auf dem Teppich.") Geh und setz dich in einen Hain oder Wald zu einem oder mehreren dieser stummen Gefährten, lies diese Zeilen und denke darüber nach!

Eine Lektion von dem harmonischen Ganzen eines Baumes - vielleicht die größte moralische Lehre überhaupt, die Erde, Steine, Tiere uns erteilen, ist eben jene Lehre der Inhärenz dessen was ist, ohne die geringste Rücksicht darauf, was der Betrachter (Kritiker) meint oder sagt, oder ob es ihm gefällt oder nicht. Welche Krankheit in jedem einzelnen von uns, in unserer Literatur, Erziehung, Haltung gegenüber dem anderen (ja sogar gegenüber uns selbst) steckt, ist schlimmer, weiterverbreitet als eine krankhafte Sorge um den Schein (meist gar um einen sehr flüchtigen Schein) und keinerlei oder fast keinerlei Sorge um die gesunden, langsam wachsenden, dauerhaften, wirklichen Bestandteile eines Charakters, von Büchern, Freundschaft oder Ehe - der unsichtbaren Grundlagen und Bindeglieder der Menschheit? (Wie die allgemeine Grundlage, der Nerv, der große Sympathikus, das Eigentliche der Menschheit, das jedem Ding seinen Stempel aufprägt, notwendigerweise unsichtbar ist.)


Quelle:

WALT WHITMAN "TAGEBUCH"

ISBN 3-379-00581-9
(C) Reclam-Verlag-Leipzig 1985

Reclam- Bibliothek Band 1088
2. Auflage
Reihengestaltung: Lothar Reher
Lizenznummer:
363.340/76/90-LSV 7333-VBG 19.5
Printed in the German Democratic Republic
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